✰ Laura Buzo – Wunder wie diese

Die Welt ist voller kleiner und großer Wunder – man muss nur die Augen offen halten, um sie zu entdecken.

Amelia ist 15 und der typische Außenseiter. Nirgends gehört sie so richtig dazu, sie findet sich dick und hässlich und irgendwie scheint niemand das Wunder in ihr zu entdecken. Bis sie einen Schülerjob bei Woolworth annimmt und den 21-jährigen Chris kennenlernt. Zwischen den beiden entwickelt sich eine eigentümliche Beziehung, denn Chris entdeckt, dass eine Menge Witz und Intelligenz in Amelia stecken, er genießt es geradezu sich mit ihr zu unterhalten. Doch ist da mehr drin? Amelia ist bald schon Hals über Kopf in Chris verliebt, doch wird es dieses Wunder geben? Können die beiden die sechs Jahre Altersunterschied wirklich überbrücken und ein Paar werden?

Die Geschichte wird abwechselnd von Amelia und Chris erzählt, wobei es auch Überscheidungen gibt – ein Ereignis wird einmal aus Amelias und dann aus Chris Perspektive erzählt – was den Roman in meinen Augen erst richtig interessant macht. Laura Buzo entwickelt so einen interessanten Kontrast zwischen den Ansichten eines fünfzehnjährigen Mädchens und denen des 21-jährigen Chris. Spannend ist dabei auch zu erfahren, wie sehr die Vorstellungen und die Realität auseinanderdriften. Chris hält Amelia zum Beispiel keines Wegs für ein naives kleines Mädchen, sondern gesteht offen, dass er sie bewundert und sogar ein richtiger Fan von ihr ist. So ist Wunder wie diese keineswegs nur die Geschichte der jugendlichen Schwärmerei eines Mädchens, sondern auch ein Roman übers Erwachsenwerden und den Prozess des Abnabelns vom Elternhaus.

Aus zwei Hälften entsteht ein Ganzes – aus Amelias und Chris Erzählungen entsteht erst der Eindruck, den der Roman bei mir hinterlassen hat. Zwei Menschen, die auf den ersten Blick so unterschiedlich sind – und sich doch so nahe stehen.

Mit viel Herz erzählt Lauro Buzo diese Geschichte einer tiefen und vielleicht auch ungewöhnlichen Freundschaft. Sie versteht es, sich in die Gefühle der Protagonisten rein zudenken, niemals wirkt ihre Sprache aufgesetzt oder gestellt. Und gerade diese Authentizität macht Wunder wie diese zu einem wunderbaren Roman.

Worin das Wunderbare oder die Wunder aus dem Titel liegen, das verrät Laura Buzo übrigens nicht. Das muss jeder für sich herausfinden.






Gebundene Ausgabe: 301 Seiten
Erschienen bei Arena
Mai 2012
Aus dem Englischen von Mo Zuber
Originaltitel: Good Oil
ISBN: 978-3-4010-6733-9

✰ Alex Thomas – Engelspakt

Endlich ist sie zurück. Meine Lieblingsnonne. Catherine Bell. Kennt ihr nicht? Dann solltet ihr ganz schnell Lux Domini lesen. Da tritt Schwester Catherine zum ersten Mal in Erscheinung und hat mit ihrer sturen und widerspenstigen Art gleich einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Hätte sie nicht Gehorsam schwören müssen? Aber Nonnen sind ja auch nur Menschen. Catherine ist sogar ein ganz besonderer Mensch, denn sie verfügt über mediale Fähigkeiten, die sie für den Vatikan besonders attraktiv machen. Aber will sie sich wirklich vor diesen Karren spannen lassen?

Nachdem sie erst vor kurzem den Tod ihres Mentors verkraften musste, ist es nun Kardinal Ciban, der ihr Sorgen bereitet. Schwer verletzt bricht er auf vor ihrer Wohnung zusammen, kurz darauf wird ein berühmter Religionswissenschaftler tot in einer Kirche gefunden. Hat Ciban etwas mit dessen Tod zu tun? Und was hat es mit dem mysteriösen Jungen auf sich, auf den Catherine bei ihren Nachforschungen stößt? Alles hängt miteinander zusammen, und Catherine befindet sich bald in großer Gefahr.

Mit Engelspakt legt das in London lebende Autorenpaar Alex Thomas den zweiten Roman um Catherine Bell und die dunklen Machenschaften im Vatikan vor. Kleine Frage am Rande: Wie schafft man es, gemeinsam zu schreiben ohne sich dabei zu zerfleischen? Die beiden schaffen es jedenfalls – und das mit sehr viel Herz und Spannung. Dan Brown braucht Jahre, um für einen seiner Bestseller zu recherchieren, aber er schafft es trotzdem nicht, auch nur annähernd so viel Herzlichkeit in seine Protagonisten zu stecken wie Alex Thomas.

Und genau das macht für mich Engelspakt zu einem absoluten Leseerlebnis – abgesehen von der Spannung, die bis zur letzten Seite aufrecht erhalten wird. Durch die ständigen Perspektivwechsel finde ich mich immer wieder in einer anderen Szene wieder, muss mein Puzzle neu zusammensetzen um letztendlich dem Warum auf die Spur zu kommen – und dabei werde ich oft auf eine falsche Fährte geführt und aufs Neue überrascht. Langeweile kommt hier garantiert nicht auf. Gepaart mit einer packenden Verschwörung entsteht so ein Thriller, der sich zum Glück nicht wirklich in eine Schublade packen lässt – ist es nun mehr Vatikan – oder Wissenschaft – oder Psychothriller? Genau wie Schwester Catherine Bell Nonne und Ermittlerin ist, kann auch dieser Thriller alles sein – und soll es auch sein. Schubladen sind eh doof.






Taschenbuch: 576 Seiten
Erschienen bei blanvalet
Juli 2012
ISBN: 978-3-4423-7989-7

 

 

 

❁ Chronik eines angekündigten Verrats – Teil 1

16.08.2012

Mein Herz bleibt stehen. Ich schaue mich nur ein wenig gelangweilt auf Facebook um – da entdecke ich diesen Link. Tausende von Audio Books – absolut kostenlos und legal, zum runterladen. Okay, es sind Klassiker, bei denen das Urheberrecht abgelaufen ist – zur Info: Das Urheberrecht erlischt 30 Jahre nach dem Tod eines Autors. Aber – es sind Klassiker! Englische Klassiker, die ich liebe wie kaum etwas. Alle sind sie da versammelt. Die muss ich haben, die muss ich mir anhören. Nein – die muss ich LESEN! Da stoße ich auf das Problem. Wie soll ich die lesen, so ganz ohne EBookReader?

Ich gebe zu, ich besitze keinen und ich wollte auch NIE einen besitzen. Seelenlose Maschine nenne ich diese flachen Wunderdinger. Weil sie für mich keine Seele haben und nur ein Buch ein Buch ist mit echten Seiten und Papiergeruch und Rascheln beim Umblättern. Doch jetzt – jetzt steig ganz langsam, aber stetig ein Wunsch – nein, ein Verlangen! – in mir auf. Ich brauche einen Kindle! Ich MUSS ihn haben! SOFORT!

Ich brauche eine Bestätigung dafür, dass ich so etwas Flaches, Schönes brauche. Ich bekomme sie – sogar mit gutem Herzen wird mir der Kauf empfohlen. Wie kann ich da noch nein sagen?

Ich kann nicht. Oder doch – erst mal muss ich nein sagen, es ist Monatsmitte und mein Geld reicht nicht mehr für den Kauf. Also abwarten, ist vielleicht auch nicht schlecht, wenn ich da jetzt noch zwei Wochen drüber nachdenken muss. Geduld, Geduld – die Zeit wird auch vorrübergehen. Aber eigentlich steht mein Entschluss: am 31.08. werde ich mir meinen ersten Kindle bestellen. Wie gut, dass ich drei Tage vorher Geburtstag habe, da schenke ich mir den doch gleich mal selbst. ;-)

 

17.08.2012

14 Tage bis zur Bestellung. Mein Kindle braucht ja auch eine Hülle. Aber was für eine? Kaufen? Kommt nicht in Frage! Die wird natürlich selbst gemacht. Genadelt, um genau zu sein. Strickgefilzt, um ganz präzise zu werden, das ist dicker als normal gestricktes und bietet dem Kleinen idealen Schutz. Ich mach mich dann mal ans Design…

 

18.08.2012

Muss ich wirklich noch 13 Tage warten, könnte ich nicht auf SOFORT???? Ein Blick auf den Kontostand zeigt mir, ich könnte auch schon heute. Aber heute ist auch erst der 18. und der Monat hat 31 Tage. Also gut, ich warte noch. Eine Woche. Dann kommt der Kindle pünktlich zu meinem Geburtstag bei mir an. Deal? Deal!

 

19.08.2012

Fünf Tage. Die Hülle steckt zum Filzen in der Waschmaschine – hoffentlich schrumpft sie nicht zu sehr.

Update: Nein, ist sie nicht. Sie sieht toll aus.

 

 

 

❦ Gedankenballast abwerfen – Gedanken einer Literaturbloggerin

Was macht man als Leser, wenn einem ein Buch so gar nicht zusagt? Nein, hier muss ich mich genauer ausdrücken: Was macht man als Literaturblogger in so einem Fall? Denn als Literaturblogger ist man zwar auch – und in erster Linie – Leser, aber daneben hat man doch noch eine andere Aufgabe, eine, die nicht ohne Verantwortung dem Buch gegenüber auskommt.

Für mich persönlich besteht diese Verantwortung darin, dass ich meine Meinung zu einem Buch, zu dem Kind eines Autors gewissermaßen, öffentlich und für alle Welt zugänglich mache. Ein gewisses Maß an Macht steckt da schon drin – auch wenn ich das jetzt nicht überstrapazieren will – aber eine einmal in die Welt hinausgerufene Rezension lässt sich nicht mehr so schnell rückgängig machen. Darum ist es mir wichtig, genau zu begründen, wenn mir ein Buch nicht gefällt, auch wenn meine Reaktion darauf noch so emotional ausfallen mag. Und ein wenig Schmerz schwingt darin auch immer mit – es ist nicht leicht, einem Vater oder einer Mutter zu sagen, dass einem das liebevoll und unter Mühen aufgezogene Kind nicht gefällt.

Aber ich sehe es auch als Verantwortung mir gegenüber an, ehrlich zu sein. Mir und meinen Lesern gegenüber. Ich kann und will nichts beschönigen, wo es nichts schön zu reden gibt. Ehrlichkeit kann brutal sein, ist aber immer noch hilfreicher als vorgelogenes Lob.

Real oder bizarr – was ist dir lieber?

Natürlich kann es immer vorkommen, dass ein Buch nicht gefällt. Platt ausgedrückt. Weil einem der Stil nicht zusagt oder einen die Geschichte nicht berührt. Das gehört zum Risiko des Lesers auf der einen und zum Risiko des Autors auf der anderen Seite, damit müssen beide leben. Aber es gibt auch Fälle, wo es eben nicht nur beim subjektiven Nicht-Gefallen bleibt, wo mehr fehlt als nur das Lesegefühl. Lesen ist immer subjektiv – und da kann mir auch kein noch so professioneller Kritiker sagen, dass das nicht stimmt – aber es gibt auch Bücher, bei denen das Nicht-Gefallen weit über den subjektiven Eindruck hinausgeht. Dann, wenn das Herzblut fehlt, nicht alleine beim Autor, sondern auch beim Verlag.

Ich habe schon Bücher gelesen, die mich wirklich geärgert haben, durch die ich mich lesend gequält und mir danach mühsam eine Rezension abgerungen habe. Aus Pflichtbewusstsein dem Verlag und dem Autor gegenüber. Ich bin an einem Punkt angelangt, wo ich das nicht mehr machen möchte. Ausschlaggebend war ein Fantasyroman eines kleinen Verlages. Nein, ich werde Verlag, Buch und Autor hier nicht nennen – ich finde es unschön, Menschen an den Pranger zu stellen und dieses eine Buch ist auch nur exemplarisch und war der Auslöser für diesen Artikel – das Gefühl dahinter brodelt schon länger in meinem Leser-Blogger-Bücherherzen. Schon auf den ersten Seiten fiel mir der holperige Schreibstil der Autorin auf. Adjektive noch und nöcher, Füllworte ohne Ende und zudem noch völlig unpassend, lieblos aneinandergereihte Sätze. Wo war hier das Lektorat? habe ich mich gefragt. Wie kann man es verantworten, ein Buch so zu veröffentlichen?

Das Gefühl beim Lesen

Nachdem der erste Zorn über das Buch – vielmehr die 15 Seiten, die ich geschafft habe, zu lesen – verraucht war, wich dieses Gefühl einem ernsten Ärger. Ja, ich habe mich regelrecht geärgert, so wie man sich über ein schlecht produziertes Möbelstück ärgert, oder über ein Elektrogerät, das den Anforderungen nicht standhält. Denn letzten Endes ist ein Buch – und das bei aller meiner Liebe zu Büchern – auch nur ein Produkt. Und wenn es wie in diesem Fall schlampig produziert ist, auch ein Grund zum ärgern.

Ist ein Lektorat nicht dann dazu da, um solche Fehler im Manuskript aufzudecken und zusammen mit dem Autor zu beseitigen? Ihn davor zu bewahren, ein schlechtes Produkt auf den Markt zu bringen? Ihn davor zu schützen, dass sein Baby in der Luft zerrissen wird?

In diesem Fall habe ich mich dazu entschlossen, das Buch nicht zu Ende zu lesen und auch nicht zu rezensieren. Nicht, weil ich es nicht könnte – ich will einfach nicht. Ich will meine Zeit nicht mit einem schlecht produzierten Roman verschwenden, ich will mich nicht weiter beim Lesen darüber ärgern, über Stilbrüche stolpern und dann unzufrieden zu Bett gehen. Und ich will die Autorin nicht dafür verantwortlich machen, dass sie kein verantwortungsbewusstes Lektorat hinter sich hatte. Wer weiß – vielleicht hätte mir die Geschichte durchaus gefallen, vielleicht steckt eine Menge Potential in dieser jungen Autorin. Aber ich werde das nie erfahren – weil jemand am falschen Ende, am Lektorat gespart hat.

Was bleibt zurück – nur ein paar Flecken oder alles verschwommen?

✰ Annabel Pitcher – Meine Schwester lebt auf dem Kaminsims

Wie kann eine Schwester auf dem Kaminsims leben? Was macht sie dort, wie ist sie da hingekommen?

Eine Urne mit Asche – das ist das einzige, was von Jamies Schwester Rose übrig geblieben ist. Die Bombe der Terroristen hat vor fünf Jahren nicht nur Roses Körper sondern auch die gesamte Familie zerrissen. Jamies Mutter erträgt die Trauer nicht eund verlässt die Familie. Sein Vater ertrinkt in Trauer und Alkohol. Und Jasmine, Roses Zwillingsschwester beschließt, nichts mehr zu essen. Auch ein Umzug aufs Land ändert nichts an der verkorksten Familiensituation. Der Vater trinkt, die Mutter lebt weit weg mit einem anderen Mann zusammen, Jasmine isst nicht, und Jamie bleibt auch in der neuen Schule ein Außenseiter. Und die Urne mit Roses Asche steht auf dem Kaminsims.

Dann lernt Jamie in der Schule Sunya kennen – ein muslimisches Mädchen. Wie kann er sich mit ihr anfreunden, wenn doch Muslime für den Tod seiner Schwester verantwortlich waren?

Anabel Pitcher greift in ihrem Roman viele Themen auf. Freundschaft, Familie, Liebe, Trauer, Vergebung und Schuld – um nur die wichtigsten zu nennen. Allein deshalb müsste es doch viel zu viel sein – wie packt man so viel in vergleichsweise wenig Seiten? Anabel Pitcher gelingt es, und es gelingt ihr, alle diese Themen gleichwertig zu behandeln und den Roman trotzdem nicht zu überladen. Eins greift ins andere, wie die Zahnräder einer Uhr. Alle sind gleichermaßen wichtig, damit der Roman funktioniert und berührt.

Meine Schwester lebt auf dem Kaminsims hat mich sehr berührt. Besonders Jamie, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, hat mein Herz im Sturm erobert. Er ist alleine; auch wenn seine Schwester sich hin und wieder rührend um ihn kümmert, kann sie doch die Mutter nicht ersetzen. Und so lebt Jamie vom Vermissen – von der Hoffnung auf ein Wiedersehen mit seiner Mutter – von der Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung. Was jetzt schnell ins Kitschige und Rührselige abdriften könnte, tut es aber zum Glück nicht, sondern bleibt auf der Ebene des zehnjährigen Jungen, der nicht anders kann, als sich mit der Situation zu arrangieren, um nicht auch noch wahnsinnig zu werden. Es ist keine Der-arme-kleine-Junge-Geschichte, sondern eine Geschichte zum Mut machen. Auch wenn sie noch so traurig ist. Sie vermittelt, dass es trotz aller Trauer weiter gehen muss, und auch weiter gehen kann.

Es gibt so viel, was dieses wundervolle Buch noch vermittelt, so viel, dass ich es gar nicht alles erwähnen kann, ohne selbst einen kleinen Roman zu schreiben. Um ehrlich zu sein, will ich das auch gar nicht alles erwähnen, denn jeder von euch wird einen anderen Aspekt im Roman für den wichtigsten halten.







Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Erschienen bei Goldmann
Mai 2012
Aus dem Englischen von Sibylle Schmidt
Originaltitel: My Sister lives on the Mantelpiece
ISBN: 978-3-4423-1253-5

✰ Isabel Senoner – Narben einer Kindheit

Eva-Lotta, jüngstes von fünf Geschwistern, wächst in einer Familie auf, in der Liebe ein Fremdwort zu sein scheint. Um den Schmerz, den diese Lieblosigkeit verursacht, zu kanalisieren, beginnt sie zu ritzen. Sie lässt keine Party aus, keinen Mann, und auch keine Droge. Bis sie Björn kennenlernt. Björn liebt sie ohne Vorbehalte, doch Eva-Lotta kann diese Liebe nicht ertragen. Sie entwickelt einen bizarren Wunsch – Björn soll sie töten.

Thematisch hat dieses Buch alles, um mich ansprechen zu können. Besonders die Thematik der Tötung auf Verlangen hat mich gereizt, dieses Buch zu lesen. Es ist eine ungewöhnliche Geschichte für eine junge Frau, und ich habe mich gleich zu Beginn gefragt, ob und wie daraus überhaupt ein Happy End entstehen könnte.

Was die Umsetzung angeht, konnte mich Isabel Senoners Roman leider so gar nicht überzeugen. Der Stil holpert gewaltig, und auch wenn Wiederholung ein Stilmittel sein mag, wird es hier doch in zu hohem Maße eingesetzt. Ich vermisse die im Klappentext angesprochenen Tabuthemen, sie sind mir zu oberflächlich umgesetzt worden – ich hätte mir mehr Tiefe gewünscht in der Ausarbeitung. Insgesamt ist die Stimmung für so schwere Themen zu seicht, es kratzt nur an der Oberfläche.

Auch die Protagonistin Eva-Lotta schafft es nicht, mich zu berühren. Ihre Geschichte kommt für mich trotz aller Tragik nicht über „Sie hatte eine schwere Kindheit, na und – andere auch“  hinaus. Zudem wirkt Eva-Lotta auf mich stellenweise eher unsympathisch, schon an Undankbarkeit und Arroganz grenzend. Björns Liebe kann sie vielleicht nicht erwidern oder ertragen, aber warum muss sie ihn dann gleich ausnutzen? Was sie in meinen Augen tut – aber das sieht wahrscheinlich auch jeder anders.

Schade. Isabel Senoner hätte sicher ein gutes Buch schreiben können, sie ist als Sozialpädagogin mit der Thematik vertraut. Mir erscheint es aber, als hätte sie sich nicht getraut, dies in vollem Maße umzusetzen.







Taschenbuch: 128 Seiten
Erschienen bei Frieling & Huffmann
Oktober 2011.
ISBN: 978-3-8280-2944-6

✰ Jürgen Rath – Nordhörn

Steffen Stephan wird nicht gerade vom Glück verfolgt – als Aushilfsarchivar wird er auf eine kleine Nordseeinsel versetzt und das dortige Archiv auf Vordermann zu bringen. Mitten im Winter 1959. Wirtschaftswunder? Nie davon gehört.Er ist kein gerngesehener Gast, und das liegt nicht nur daran, dass er allem eine neue Ordnung geben will. Man hat Angst; Angst davor, dass Steffen etwas entdecken könnte. Etwas, dem schon sein Vorgänger auf der Spur war. Und der kam unter ungeklärten Umständen ums Leben.

Bald wird auch Steffen gejagt. Auf einer Insel, die zudem durch Eisgang von der Außenwelt abgeschnitten ist.

Zugegeben, der Name des Protagonisten ist wirklich nicht gut. Steffen Stephan – für mich ist das eindeutig zu phantasielos. Das ist dann aber auch das einzige, was ich an Jürgen Raths Roman auszusetzen habe.

Nordhörn ist ein eher klassischer Krimi, ohne großes Gemetzel und Blutvergießen. Es gibt ein Verbrechen und jemanden, der es auflösen will. Ganz einfach – und trotzdem gut. Denn es muss nicht immer das ganz große Kino sein, um zu begeistern und in den Bann zu ziehen. Steffen ist ein einfacher Archivar, sehr genau und ordentlich in dem, was er tut – wahrscheinlich eine Berufskrankheit – und dabei ist er auch ein wenig spröde. Um nicht zu sagen langweilig. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick wird er immer sympathischer, denn er lässt sich nicht von der Feindseligkeit der Inselbewohner verjagen. Er hat einen Auftrag und den will er zu Ende bringen.

Hervorzuheben ist bei diesem Krimi aber besonders die Atmosphäre. Eine kleine Insel, die immer noch im Nachkriegszeitalter feststeckt. Es gelingt Jürgen Rath, diese Atmosphäre glaubhaft zu beschreiben und ihr ihren ganz eigenen Charme einzuhauchen – ohne sie dabei auf- oder abzuwerten. So wird Nordhörn auch ein wenig zu einem historischen Krimi.

Nebenbei fällt auf, dass ein Großteil der Handlung von der Seefahrt bestimmt wird. Ich als Landratte verstehe davon nichts, doch auch das wird überzeugend umgesetzt, inklusive Glossar am Ende. So ist der Krimi nicht nur was für Fachleute und Seemänner (und Frauen!), sondern auch für Laien. Für die einen ist es ein spannender Krimi mit Einführung in die Schifffahrt, für die anderen ein unterhaltsamer Roman in gewohnten Wassern.

Und alles in allem ist Nordhörn ein gelungener Krimi.







Broschiert: 267 SeitenErschienen bei Sutton Verlag
Mai 2012
ISBN: 978-3-8668-0964-2