✰ Mervyn Peake und Maeve Gilmore – Gormenghast 4 – Titus erwacht

Titus lebt! Er hat Gormenghast wiedergefunden und erneut verlassen – diesmal aus freiem Willen – um sich von seiner Vergangenheit zu befreien. Mehr lässt sich zum Inhalt meiner Meinung nach auch nicht sagen, es ist vielmehr eine Aneinanderreihung diverser Szenen als eine Geschichte mit rotem Faden.

Nachdem Mervyn Peake 1968 starb, verblieb das Manuskript zum vierten Teil der Gormenghast-Saga lange in irgendeiner Schublade, oder in einem Karton, vielleicht auch auf dem Dachboden, in der hintersten Ecke – jedenfalls möchte ich mir das so vorstellen – bis seine Witwe Maeve Gilmore die Aufzeichnungen fand und das Werk ihres Mannes vollenden wollte. Denn Gormenghast war nicht als Trilogie geplant, Peake wollte die Welt um Titus fortführen – wohin weiß niemand.

Nach 12 Seiten bricht Peakes Manuskript ab, es ist unleserlich, und von da an ist Maeve Gilmore auf sich allein gestellt. Sie muss nun Titus Welt in ihrem eigenen Kopf auferstehen lassen, und wahrscheinlich hat sie sich dabei genauso hilflos gefühlt wie Titus auf seinen Wanderungen. Es wird deutlich, dass nun eine Frau schreibt – ganz ohne in Klischees verfallen zu wollen – oder wem das nicht gefällt, es wird zu mindestens deutlich, dass nun eine andere Person schreibt. Schlagartig, ohne Übergang. Ob ich das mag, oder nicht – darüber bin ich mir selbst noch nicht im Klaren. Einerseits mag ich Gilmores luftigeren Schreibstil, ihre leichtern Sätze und Formulierungen – alles wirkt ein wenig bunter als zuvor; und andererseits habe ich das Gefühl, dass sie sich so in diesen Formulierungen verstrickt, dass sie ein wenig vergisst, Titus Handlung zu geben.

Zum ersten Mal wurde die Fortführung von Maeve Gilmore veröffentlicht, und sie hat sicher grandiose Arbeit damit geleistet – aber vielleicht wäre es in diesem Fall besser gewesen, Titus ruhen zu lassen.







Gebundene Ausgabe: 218 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta
Februar 2011
Aus dem Englischen von Alexander Pechmann
Originaltitel: Titus Awakes, Gormenghast 4
ISBN: 978-3-6089-3924-8

 

✰ Mervyn Peake – Gormenghast 3 – Der letzte Lord Groan

Titus, der siebenundsiebzigste Lord Groan hat Gormenghast verlassen. Nichts hält ihn mehr in diesem Schloss, das nur von Ritualen zusammengehalten wird. Fast alle, die er einst liebte, sind tot. Warum also länger ein Gefangener sein? Er macht sich auf den Weg, doch wohin – das weiß er auch nicht. Er irrt umher, weiß nicht wo er ist. Trifft einen Hund, der sein Weggefährte wird; eine Frau, in die er sich verliebt – und nebenbei allerhand andere schräge Gestalten, die für eine Zeit lang sein Leben begleiten.

Doch hier ist er niemand, einfach nur ein ziellos umherirrender – denn niemand, dem er von Gormenghast erzählt, hat jemals davon gehört. Existierte diese Welt also vielleicht nur in seinem Kopf? Er muss den Weg nach Gormenghast, nach Hause finden, er muss den Weg in die eigene Vergangenheit antreten.

Ohne die schützende Umgebung des Schlosses wirkt Titus hilflos, schutzlos. Gleichzeitig kann er sich aber auch nicht mehr hinter den bizarren Ritualen verstecken. Er muss sich der Öffentlichkeit – dem Leser zeigen, und das geht nicht zu seinem Guten aus, denn Titus entpuppt sich in meinen Augen als chauvinistischer Egoist. Ich mag ihn nicht. Ja, ich weiß, dass diese Aussage nicht sonderlich differenziert ist, aber – ich mag ihn einfach nicht! Er ist der letzte Lord Groan, und was macht er? Streunt lieber ziellos durch die Gegend als zu Hause mal in die Hände zu spucken.  Haut ab, und will dann doch wieder zurück. Er weiß nicht, was er will, er ist ein Getriebener. Aber was genau treibt ihn?

Der dritte Teil der Gormenghast-Saga kommt um einiges düsterer daher. Die bunten Gestalten aus dem Schloss fehlen, wir bewegen uns hauptsächlich in der freien Natur. Leider geht damit auch der Humor verloren, ich vermisse die skurrilen Dialoge der ersten beiden Bände. Gleichzeitig wird Mervyn Peake aber hier auch moderner. Waren Der junge Titus und Im Schloss noch antiquiert bis zeitlos in ihrer Ausstattung, wird hier der moderne Fortschritt deutlich – wir begegnen Autos und sogar Flugzeugen – fast so, als wollte Peake damit ausdrücken, dass der Lauf der Zeit auch von Titus nicht halt macht.

Insgesamt konnte mich auch Der letzte Lord Groan nicht so wirklich von sich überzeugen.







Gebundene Ausgabe: 328 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta
Februar 2011
Aus dem Englischen von Anette Charpentier
Originaltitel: Titus Alone
ISBN: 978-3-6089-3923-1

✰ Ronald Malfi – Tod in Neverland

Da ist nichts. Ausgelöscht. Alles weg. Wenn Kelly Rich an ihre Kindheit denkt, ist da nur eine weiße Wand in ihrem Kopf. Sie hat keine Erinnerungen an die Zeit vor ihrer Flucht mit 15 Jahren, als sie aus dem kleinen Ort Spires nach New York zog, Hals über Kopf heiratete und sich ebenso schnell wieder scheiden ließ. Jetzt ist Kelly Mitte zwanzig, und ihre Vergangenheit scheint sie einzuholen.

Becky, Kellys jüngere Schwester, hatte einen mysteriösen Unfall und liegt seitdem im Koma. Keiner erreicht sie. Sie ist gefangen zwischen Leben und Tod. Kelly bleibt nichts anderes übrig als nach Hause zu fahren, ins Haus ihrer Eltern, und sich den Dämonen ihrer Kindheit zu stellen.

In Ronald Malfis Roman geschehen merkwürdige Dinge. Zerbrochene Plastikgabeln, die auf dem Boden liegen; Türen, die erst verschlossen und dann wieder offen sind; und warum findet sie Beckys Fenster immer wieder sperrangelweit geöffnet vor? Spannend werden diese Vorkommnisse aber erst so richtig dadurch, dass sie parallel an verschiedenen Handlungsorten stattfinden. Auch Kellys Arbeitspartner Josh findet die Gabeln, ebenso der Arzt Carlos Mendes, der sich ebenso wie Josh um Nellie kümmert. Diese alte Dame war Teil eines Filmprojektes an dem Kelly und Josh gearbeitet hatten – vor dem Unfall, vor dem Einschnitt in ihrer aller Leben.

Zugegeben – die Story an sich ist schon ein wenig verworren, alles hängt zusammen, nichts geschieht zufällig. Und alle Aspekte hier aufzuführen, würde einfach zu weit führen – auch wenn sie alle wichtig sind. Ein weiteres Manko – mit der Zeit driftet mir die Geschichte doch ein wenig zu sehr ins Übersinnliche ab. Realität und Träume vermischen sich, und es wird schwer den Überblick zu behalten, wo das eine aufhört und das andere anfängt.

Womit mich Tod in Neverland aber gefangen hat, war die wunderbar dunkel-mystische Atmosphäre, die unerwarteten Wendungen, die vielschichtigen und nicht immer durchschaubaren Charaktere – und letztendlich mit Kelly Geheimnis, das es zu lüften galt.

Ein Muss für alle Fans der Dark Fantasy, die keine Angst haben, sich in einem Alptraumlabyrinth und in einer komplex-verwirrenden Geschichte zu verlaufen.







Broschiert: 509 Seiten
Erschienen bei Otherworld
Januar 2011
Aus dem Englischen von Michael Krug
Originaltitel: The Fall of Never
ISBN: 978-3-8000-9537-7