✰ Hanna Winter – Die Spur der Kinder

Sie ist auf der Flucht – doch vor wem? Mit letzter Kraft erreicht Anne einen abgelegenen Bungalow. Die Tür steht auf, sie geht hinein. Sie ruft. Niemand meldet sich. Dann hört sie einen Schrei und im nächsten Moment wird alles um sie herum schwarz…
 
So beginnt Hanna Winters Thriller Die Spur der Kinder. Packend erzählt zieht er mich sofort in seinen Bann. Was hat diese junge Frau mit dem Verschwinden von Kindern zu tun? Ist sie vielleicht nur durch einen unglücklichen Zufall in die Hände eines Verrückten, eines Entführers, eines Mörders – denn es bleibt ja unklar, wem sie da im Bungalow begegnet ist – gefallen?
 
Ein Junge ist verschwunden. Am helllichten Tag, mitten im Berliner Zoo. Als seiner Mutter eine weiße Lilie zugeschickt wird, ist Kommissar Piet Karstens und seiner Kollegin Frauke Behrendt klar, dass ein Serientäter erneut zugeschlagen hat. Vor zwei Jahren verschwand Sophie, die Tochter der Schriftstellerin Fiona Seeberg; und auch ihr schickte man eine weiße Lilie. Seitdem gibt es keine Spur mehr von Sophie. Kann ein Kind denn so einfach vom Erdboden verschwinden? Im einen Moment hat sie noch friedlich auf dem Spielplatz getobt und im nächsten Moment ist sie weg. Fiona leidet unter dieser Situation; sie hat eine Schreibblockade und flüchtet sich in den Alkohol. Auch ihr Verlobter Adrian vermag ihr keinen rechten Halt zu geben. Zudem er sich im Laufe der neuen Ermittlungen immer mehr in Widersprüche verstrickt. Er sollte doch auf Sophie aufpassen. Hat er nichts gesehen? Und wieso reagiert er so nervös auf Theresa, die Fiona bei den Anonymen Alkoholikern kennengelernt hat?
 
Hanna Winter versteht sich darin, Spuren zu legen, denen ich folge. Da ist nicht nur Adrian im Visier der Polizei, auch der Erzieher Sascha Funk und ein älterer Herr, der den Kindern auf dem Spielplatz immer wieder Süßigkeiten zustecken will, machen sich verdächtig. Doch sind sie wirklich schuldig?
 
Die Spur der Kinder spielt geschickt mit den Urängsten von Eltern – das eigene Kind verschwindet und niemand weiß wohin; lebt es noch, was muss er durchleiden? Jeder könnte es gewesen sein. Hinter jeder Ecke lauert die Gefahr.
Zudem verknüpft Hanna Winter die spannend erzählte Polizeiarbeit mit einem nicht weniger interessanten Beziehungsgeflecht; Fiona und Adrian, Theresa und Rolf, Piet und Fiona. Die vielfältigen Charaktere machen diesen Thriller zu einem echten Lesehighlight – und letztendlich hat jeder eine Leiche im Keller.







Broschiert: 342 Seiten
Erschienen bei Ullstein Tb
August 2010
ISBN: 978-3-5482-8255-8

✰ Hanna Marjut Marttula – Filmreif

Klappe – die Erste.
 
Wie beschissen kann ein Leben eigentlich sein? Das kommt mir beim Lesen als erstes in den Sinn. Torsten ist 15 Jahre alt, seine Eltern sind Alkoholiker, und dass, solange er denken kann. Immer wieder versuchen sie, von der Flasche wegzukommen, doch meistens bleibt es bei halbherzig gemeinten Anläufen, die in Ausweich- und Ablenkungsmanövern sich gegenüber und gegenüber den Kindern enden. Könnten sie diese Energie nicht in ihre Kinder stecken, oder in ihr eigenes Leben? Stattdessen sinken sie von einem Rausch in den nächsten.
 
Klappe – die Zweite.
 
Torstens Schwester Tarina ist 16. Und schwanger. Schon wieder. Wieso bekommt sie das mit der Verhütung nicht auf die Reihe? Torsten muss sich darum kümmern, dass sie regelmäßig die Pille nimmt und aufpassen, dass der Kondomvorrat nicht zur Neige geht. Verkehrte Welt – eigentlich ist Torsten der kleine Bruder.
Der Vater des Kindes ist Kolja und laut Torsten ist er der denkbar schlechteste Kandidat dafür. Ständig ist er in illegale Machenschaften verwickelt und so richtig durchschauen kann man ihn auch nicht. Er passt einfach nicht zu Tarina.
So sieht’s aus.
 
Schnitt! Zoom auf Torsten:
 
Torsten möchte nichts lieber als Regisseur werden, aber er glaubt nicht daran, dass er das schaffen kann, er kommt schließlich aus einer sozial benachteiligten Familie. Um nicht zu sagen asozial, oder verwahrlost. Er liebt seine Familie zwar, aber sie wird für ihn zur Bestimmung, zum Gefängnis, aus dem er nicht raus kann.
Hilfe bekommt die Familie von Liisa, der Sozialarbeiterin, die Torsten immer wieder Mut macht, an seinem Traum festzuhalten. Und dann lernt er Saara kennen, die nicht nur Tiere rettet, sondern auch Torsten. Er verliebt sich. Zum ersten Mal. Und plötzlich rückt der Traum vom Regisseur sein ein Stückchen näher.
So sieht’s aus. Genau so.
 
Szenenwechsel.
 
Hanna Marjut Marttula schildert in einfachen und doch sehr treffenden Worten, was es für einen Jugendlichen bedeutet, zur sozialen Unterschicht zu gehören, aber ohne unnötig auf die Tränendrüse zu drücken oder gar den moralischen Zeigefinger zu heben. So wie Torsten lebt, lebt er eben. Mir wird bewusst, dass es vielleicht kein sonderlich erstrebenswerter Zustand ist, in dem Torsten und seine Familie leben, aber dadurch wird ihr Leben nicht weniger wert.
Ein Buch, das sehr nachdenklich macht und einem das Glück bewusst macht, dass man hat. Dass man nicht in diesen Umständen aufgewachsen ist. Und es macht einen auf die Probleme anderer aufmerksam; aufmerksam dafür, vielleicht einmal genauer hinzuschauen.
 
Abspann…







Broschiert: 272 Seiten
Erschienen bei Carlsen
August 2010
Aus dem Finnischen von Elina Krizokat
Originaltitel: Filmi Poikki!
ISBN: 978-3-5513-5895-0